Wäscherin Änne

Müde streicht sich Änne eine vorwitzige Strähne aus dem Gesicht. Die ganze Woche war sie schon früh unterwegs gewesen, um in verschiedenen Appelhülsener Häusern zu waschen. Es gibt nette und weniger nette Kunden, aber in dieser Woche hatte sie das Gefühl, mehr für die weniger netten Menschen gearbeitet zu haben.

Seit zwei Jahren wäscht sie nun schon, um sich und ihre beiden Töchter über Wasser zu halten. Ihr Mann war aus dem Krieg nicht zurück gekehrt, doch als wäre das nicht schon schlimm genug, gibt es noch nicht einmal eine Gefallenen-Mitteilung. Diese lange Zeit der Hoffnung… Grausam. Und dann noch die Weigerung des Amtes, ohne amtliches Todesdokument weder Witwenbezüge noch Sozialhilfe zu zahlen. Also blieb nur das Wäsche-Waschen. Glücklicherweise darf sie mit den Kindern in dem kleinen Häuschen am Dirksfeld wohnen bleiben, wo es einen Stall für das Schwein und die Ziege gibt. Für Gemüse und Kartoffeln bewirtschaftet Änne einen Pachtgarten in der Nähe, aus dem auch das Futter für die Tiere kommt. Die „Korre“, wie das Schwein genannt wird, holen sie als Ferkel von einem Bauern, der ihnen ein zurück gebliebenes Tier für einen geringeren Preis lässt.

Ein wahres Glück ist ihre älteste Tochter. Beim Gedanken an Gisela hellen sich Ännes Züge auf. Gestern hatte die Tochter von einem ihrer Streifzüge tatsächlich Eier von einem Teichhuhn mitgebracht. Das gab ein herrliches Abendessen. Das Mädchen hat einen Blick für günstige Gelegenheiten wie kein anderer.

Giselas Fragen nach ihrem Papa sind zwar weniger geworden, aber vor einigen Tagen hat Änne ein Puppenspiel mitbekommen, in dem Gisela ihren geliebten Vater heimkommen lässt. Auch Änne vermisst ihren Mann schmerzlich.

Aber was soll´s?! Entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen, streicht sie ihre saubere Schürze glatt und macht sich auf den Weg zur Kirche, um ihr Messing-Schildchen zu polieren. Diese Tätigkeit ist samstags der Auftakt zum Wochenende. Dann betritt sie erhobenen Hauptes die Kirche und poliert ihr Namensschild, bis es glänzt. Da sie zu den armen Leuten von Appelhülsen zählt, kann sie sich nur den Platz hinter einer Säule im hinteren Teil der Kirche leisten. Dem Herrgott wird’s egal sein.

Ihre Arbeit ist getan und Änne tritt lächelnd aus der kühlen Kirche in den Sonnenschein. Denn obwohl sie arm ist und viele Appelhülsener auf sie herab schauen, hat sie ihre Zuversicht und ihr Gottvertrauen nicht verloren. Und sie freut sich auf den morgigen Geburtstag ihrer ältesten Tochter, für die sie abends, wenn die Mädchen schliefen, ein neues Kleid genäht hat. Ein schönes Kleid ist es geworden.