Waage bei Schriewer

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Wenn man kurz vor dem Bahnübergang das unscheinbare Rechteck auf dem Boden bemerkt, kann man sich nur schwer vorstellen, dass genau hier allwöchentlich große Betriebsamkeit geherrscht hat.

Samstags lieferten die Bauern ihre Schlachttiere an. Sowohl Schweine als auch kräftige Bullen wurden mit Pferdefuhrwerken gebracht, um auf der einzigen Waage des Ortes gewogen und am Bahnhof in die bereit stehenden Viehwaggons verladen zu werden. Für die Tiere war alles fremd und beängstigend. Folglich ging es laut und turbulent zu zwischen Waage und Bahnhof. Manch ein Tier konnte nur mit vereinten Kräften vieler Männer die Rampe hinauf gebracht werden.

Bullen und Schweine waren bestimmt für die Versorgung der hauptsächlich in Kohle- und Stahlunternehmen arbeitenden Bevölkerung im Ruhrgebiet. Einmal im Waggon angekommen, blieben die Tiere bis zum Montagmorgen ohne Futter und Wasser sich selbst überlassen.

Nach der aufregenden Aktion trafen sich die Männer in der Kneipe Schriewer auf´n Schnäpschen. Oder zwei. Geschichten wurden ausgetauscht, soziale Strukturen gefestigt.

Mit der Zeit stieg der Unmut der Bauern über den beträchtlichen Gewichtsverlust zwischen Wiegung am Samstag in Appelhülsen und Wiegung am Montag am Essener Schlachthof. Nach einigen Jahren wurde die Abfahrtszeit zum Schlachthof verlegt, womit die unerträglich lange Wartezeit für die Schlachttiere entfiel.