Schneidermeisterin Mia

Hier gibt es Geschichten von Frauen, die in der offiziellen Geschichtsschreibung übergangen werden, die aber in Wahrheit die unerkannten Heldinnen sind. In ihren Geschichten offenbart sich die Vielseitigkeit der Lebensentwürfe in ihrer jeweiligen Zeit.

Schneidermeisterin Mia

Dieser verflixte Rollator! Schon wieder hängen die Räder im Gitterrost vor den Stufen der Kirche fest. Ungeduldig ruckelt Mia am Griff. Ja, früher konnte sie zwei Stufen auf einmal nehmen, obwohl sich das nicht schickte für eine junge Frau. Aber das war ihr egal. In Appelhülsen bekamen Mädchen mit 15 Jahren ihren ersten Hut von der Hutmacherin Drees, denn ohne Hut galt man doch nichts. Ab diesem Zeitpunkt hatten sich die Mädchen sittsam zu bewegen. Und dazu zählte auf keinen Fall ein ausgelassenes Hüpfen auf den Stufen von St. Mariä Himmelfahrt.

Mia´s Ungeduld an ihrem Rollator verebbt. Sie hat ein kleines Lächeln im Gesicht als sie an . diese Zeit denkt. Auch an ihre Ausbildung mit 16 in einer Schneiderei. Sie war immer schon sehr genau, was ihr eine Anstellung in der Familienbildungsstätte eingebracht hatte. Dort konnte sie ihr Wissen weitergeben, Kontakte knüpfen, neue Ideen anregen.

Endlich ist sie in der Kirche angekommen und betrachtet andächtig das große Hungertuch über dem Altar. Nach einer Weile nimmt sie das Innere der Kirche nicht mehr wahr sondern hört Frauenstimmen, Gelächter, Familiengeschichten in ihrer Erinnerung. Sie sieht sich mit weiteren Frauen aus Appelhülsen in ihrem Wohnzimmer sitzen. Sie knabbern Gebäck, das ihre Schwester Anni am Vortag gebacken hat, trinken Apfelsaft und sticken. All diese Frauen vereint ein gemeinsames Projekt, das auf ihren Knien liegt. Das Hungertuch. Angeregt durch Mia treffen sich mehr als 20 Frauen einen Abend pro Woche, um ihr Können in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. In einer Zeit, als kirchliches Leben und Gemeinschaft eng miteinander verknüpft waren und kirchliche Angelegenheiten einen hohen Stellenwert besaßen, arbeiteten diese Frauen hauptsächlich an sakralen Objekten. Aber auch den Vereinen stellten sie ihre Fähigkeiten zur Verfügung, häkelten, stickten, nähten, strickten.

Plötzlich öffnet sich die Kirchentür. Eine Großmutter mit ihrer Enkelin betritt die Kirche, sie grüßen freundlich.

Mia´s Zauber ist vorbei.

Dort hängt es. Nicht nur als religiöser Inhalt sondern auch als Zeugnis für gemeinsames Schaffen. Die Namen aller 23 Frauen wurden auf der Rückseite eingestickt. Viele dieser Frauen gibt es schon nicht mehr. Aber ihr Können und ihr Engagement wirken über sie hinaus.

Mia lächelt wieder. All diese schönen Gefühle wirken nach.