Mutter Mariechen

Mariechen reibt sich den schmerzenden Nacken. Es ist spät geworden, aber sie bleibt noch eine Weile über ihrer Näharbeit sitzen. Die ist der schönste Augenblick des Tages, trotz der Müdigkeit und der Schmerzen. Denn sie ist allein. Niemand will etwas von ihr, alle liegen schlafend in ihren Betten. Dies ist der Moment, in dem sie träumen kann. Nichts wildes – Gott bewahre! Satt zu essen für alle, Stoff für Mädchenkleider, eine neue Hose, ein Paar Schuhe…

Aber heute ist die Müdigkeit zu groß. Schon vor einer Stunde ist ihr Mann zu Bett gegangen, nicht ohne ihr aufzutragen, die Handtücher heute noch fertig zu nähen. Die Kinder sollen dann morgen die Tücher im Bollerwagen zur Weberei Hüls und Meyknecht bringen. Schließlich braucht die Familie das Geld aus der Heimarbeit. Da fragt auch niemand, ob ihr die Arbeit mit den 10 Kindern, dem riesigen Garten und der Feldarbeit bei den Bauern zu viel wird. Und die ewig unzufriedenen Schwiegereltern sind mit ihren jähzornigen Ausbrüchen ein Kreuz.

Jetzt hustet eins der Kinder. Das ist Irene, die sich letzte Woche in ihrem zu dünnen Mantel erkältet hat. Mariechen liebt ihre Kinder, pflegt sie so gut es geht, schaut auf große Reinlichkeit und bemüht sich um gesundes Essen. Wenn es doch nur genug wäre. Sie wünscht sich für ihre Kinder ein Leben im Frieden. Die Kriegseindrücke sind noch sehr lebendig, der Hunger alltäglich.

Ungeachtet all dieser Schwierigkeiten ist Mariechen mit ihrer lebensfrohen und herzlichen Art der Mittelpunkt der Familie.

Sie lächelt als sie auf dem Weg ins Schlafzimmer noch nach den Kindern schaut, hier eine Decke zupft, dort einen dunklen Schopf streichelt.

Sie setzt sich auf die Bettkante und löst ihren üppigen Dutt. Ihre seidigen Haare fallen weit über ihren Rücken. Sie nimmt sich ihre Bürste vom Nachttisch und beginnt, sie zu bürsten. Ihr Mann schnarcht. Morgen wird er sie früh wecken, damit sie für die große Familie den Ofen anheizt und Frühstück bereitet. Und während sie ein Kind auf dem Schoß füttert, ein anderes ermahnt und von den Schwiegereltern schikaniert wird, wird ihr Mann hereinkommen und ihr die Liste mit ihren Aufgaben für den Tag auf den Tisch legen. Zusätzlich zum Haushalt, dem Garten und dem Rübenacker von Backmann.

Aber so wird es wohl richtig sein. Sie hat noch nie widersprochen. Betont nicht immer wieder der Pastor in der Kirche, dass der Mann des Weibes Haupt ist? In der letzten Lesung war sogar die Rede davon, dass der Mann das Abbild Gottes sei und die Herrlichkeit Gottes widerspiegle.

Mariechen legt die Bürste fort und bläst die Kerze aus. Morgen. Morgen wird sie wieder bereit sein, ihre Aufgaben zu erfüllen. Zupacken und streicheln wo es nötig ist.