Näherin Farhana

Hier gibt es Geschichten von Frauen, die in der offiziellen Geschichtsschreibung übergangen werden, die aber in Wahrheit die unerkannten Heldinnen sind. In ihren Geschichten offenbart sich die Vielseitigkeit der Lebensentwürfe in ihrer jeweiligen Zeit.

Näherin Farhana

Da steht sie nun in ihrer neuen Wohnung. Alles leer. Noch gibt es keine Möbel, keine Kissen, keine Kerzen. Doch das soll sich hoffentlich bald ändern. Farhana möchte es gemütlich machen für sich, ihren Mann und die drei Kinder. Ein Zuhause soll es werden, in dem sich alle geborgen fühlen.

Sie geht zum großen Fenster. In Gedanken stellt sie ihre Nähmaschine dorthin. Hier will sie das, was sie von ihrer Mutter und in der Schule gelernt hat, umsetzen. Das Nähen begleitet sie schon ihr ganzes Leben, verschafft ihr Anerkennung und Freude. Sobald sie ein schönes Stück Stoff sieht, erwacht ihre Fantasie.

Plötzlich breitet Farhana ihre Arme aus und dreht sich im Kreis. Sie hat es mit ihrer Familie geschafft! Die dunklen Stunden sind vorbei. So viel Angst. So viel Unsicherheit. Sie lächelt, weil sie sich jetzt endlich sicher fühlt. Ihr großes Gottvertrauen hat ihr immer geholfen. Und das Gefühl, in Gottes Hand zu sein, ist seit der Flucht aus Pakistan noch größer geworden.

Für ihren Sohn und die beiden Töchter wünscht sie sich ein Zuhause in Sicherheit und Geborgenheit. Sie möchte, dass ihre Kinder sich frei entwickeln können. Und obwohl es in diesem neuen Dorf, Appelhülsen, so viel regnet, kalt ist und fremd, ist Farhana erfüllt von Zuversicht. Und sollte sich Traurigkeit in ihr Leben schleichen, findet sie Trost an ihrer Nähmaschine.

In den nächsten Monaten erlernt sie die neue Sprache, unterstützt die schulischen Aktivitäten ihrer Kinder und ist erleichtert, als ihr Mann einen Job gefunden hat.

Farhana fehlt noch etwas. Sie möchte mit den Menschen ihrer Umgebung mehr in Kontakt kommen! Doch das scheint schwierig in diesem Ort zu sein. Als sie von einem Handarbeitskreis rund um Gerda Maas erfährt, ist sie sofort begeistert. Das ist es. Mit anderen Frauen handarbeiten, voneinander lernen. So wie überall auf der Welt.

Sie geht zu einem der Treffen und erfährt, dass die hergestellten Handarbeiten auf einem Basar verkauft werden sollen und der Erlös für Menschen in Notlagen gespendet wird. Das will sie machen. Es macht ihr nichts aus, dass sie die gesellschaftlichen Gepflogenheiten nicht kennt und verschiedene Anspielungen nicht versteht. Schon bald gibt es die ersten anerkennenden Worte zu ihren Näharbeiten.

Viele Jahre später, als sich die ersten grauen Strähnen in ihrem üppigen Haar zeigen, ist Farhana überzeugt, dass auch heute noch die Nähmaschine wichtig ist für die interkulturelle Annäherung, um zu einem tieferen Verständnis der Andersartigkeit zu kommen.